Evolution und Folgen des parental investments

(Dieser Artikel baut auf dem Abschnitt über parental investment und pair bond species vs. tournament species aus „Feministinnen und wie sie entstehen könnten“ auf.)

Auf den ersten Blick sieht Evolution unter Umständen gar nicht mal sooo unterhaltsam aus. Über Millionen und Milliarden von Jahren sind Organismen gewissen Selektionsdrücken ausgesetzt, wodurch sich die Genmutationen, die ihren Trägern einen Reproduktionsvorteil verschaffen, langfristig durchsetzen. (Während des Lebens erworbene Eigenschaften gehen übrigens nicht in die DNA-Sequenz ein und können deshalb auch nicht über sie weitergegeben werden.) Der Spruch „survival of the fittest“ ist da zum Vorstellen nur bedingt nützlich, da man an der Definition von vorhin ja sieht, dass man weder lang überleben noch fit in dem Sinn, wie es oft verstanden wird (stark und so) sein muss. Fit muss man nur in der Nachwuchs-Produktion sein, und überleben nur bis man darin genug Erfolg hatte. Und das Huhn ist für das Ei, die Methode, weitere Eier zu produzieren – nicht umgekehrt. 😉

So, unter den Vorfahren der Giraffen konnten sich also die besser fortpflanzen, die einen etwas längeren Hals als andere hatten und deshalb an höhere Blätter kamen und somit mehr zu futtern hatten. Manchmal hat man Glück und findet nun noch ein paar Fossilien usw.

Nicht mehr ganz so langweilig wird es, wenn man sich überlegt, wie aus einer Spezies zwei werden können. Oft sind zwei Gruppen einer Art durch räumliche Trennung unterschiedlicher Selektion ausgesetzt, wodurch ihr Genpool sich dann irgendwann so weit voneinander entfernt, dass ein Individuum aus der einen Gruppe sich nicht mehr wirklich mit einem aus der anderen fortpflanzen könnte.

Bei der Evolution handelt es sich zwar um ein natürliches Optimierungsverfahren, allerdings landet man bei diesem wie bei so vielen auch nicht unbedingt im globalen Optimum sondern höchstens in einem lokalen, und da auch noch nichtmal mit Sicherheit.

(Tatsächlich hat das Problem natürlich viel mehr Dimensionen.)

Dazu kommt, dass manche Eigenschaften nichtmal Adaptionen sondern vielmehr Spandrels (Nebenprodukte) sind. (Männliche Brustwarzen sind beispielsweise recht unnütz, jedoch ein Nebenprodukt der durchaus nützlichen weiblichen Variante.)

Des weiteren ändern sich Umgebungen (und damit die Selektionsdrücke) über die Zeit. Nicht nur die physikalische Umwelt sondern auch die Interaktionen mit anderen Arten (Räuber-Beute-Beziehungen) und auch die innerhalb der eigenen Spezies spielen da eine Rolle. So kann es vorkommen, dass man eine Eigenschaft hat, die früher mal eine tolle Adaption war, jetzt aber eher weniger prickelnd ist, wie z.B. die, sich auf alles, was möglichst viel Fett und Zucker hat, gierig draufzustürzen. Früher war das klasse, denn Körperfettreserven waren in Zeiten, in denen es weniger zu Essen gab, sehr hilfreich. Nun sieht’s anders aus, und wir gucken vor’m Schokoladenregal im Supermarkt manchmal dumm aus der Wäsche bis entweder unser frontaler Cortex oder der evolutionär altere Teil unseres Gehirns das Tauziehen für sich entschieden hat. 😉

Es drängen sich natürlich fragen (hier wird’s dann schon interessanter) auf, wieso Gene, die Probleme wie Schizophrenie oder Depressionen (siehe Naturalismus, Kontinua und Mitgefühl) begünstigen, nicht wegselektiert wurden. Bei Homosexualität, die auch eine genetische Komponente hat ebenso. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es könnte sein, dass die Veranlagung wenn sie sich zur Lebzeit anders ausprägt, durchaus einen Reproduktionsvorteil mit sich bringt, oder dass die Verwandten (die sich ja Gene mit einem teilen) dadurch einen Vorteil haben. Es könnte auch für die Gruppe als Ganzes von Vorteil sein. (Wie die Rache/Kooperations-Sache in „Rache ist ja soo selbstlos…;)„.) Es gibt also viele Möglichkeiten, die bei den verschiedenen Phänomenen jeweils empirisch überprüft werden müssen.

Da überprüfbare Vorhersagen ja generell wichtig sind, damit eine Theorie wissenschaftlich ist (siehe Epistemologie, Esoterik und Theismus), wäre die, um die es hier gerade geht, ja ziemlich öde wenn sie keine anböte. Ich will jetzt nicht mit Antibiotikaresistenz (oder Dackelzucht) nerven, deshalb nehm ich einen Bereich, in dem es wirklich spaßig wird. 🙂

Weil ja nicht nur körperliche, sondern auch „geistige“ Eigenschaften evolutionäre Ursachen haben (Der Übergang von „Wenn ich dir auf die Nase haue, tut es dir weh.“ zu „Wenn ich dir auf die Nase haue, bekommst du schlechte Laune“. ist ja fließend.), kann man hier beispielsweise aus dem simplen Unterschied im parental investment (Wir sind ja irgendwo zwischen pair bond und tournament.) nette Sachen vorhersagen, die auch oft schon empirisch nachgewiesen wurden. Dabei gilt es natürlich immer zu bedenken, dass diese Vorgänge keinesfalls bewusst ablaufen. Wir essen ja auch normalerweise eher selten, weil wir Nährstoffe aufnehmen wollen (Muskelheinis ausgenommen), sondern weil wir Hunger haben. Hunger ist hier die biologische Methode, um die Nährstoffaufnahme zu gewährleisten. (Mit Sex, Fortpflanzung und Lust verhält es sich ähnlich.)

(Ab hier wird das Konzept über parental investment und pair bond species vs. tournament species aus dem Artikel „Feministinnen und wie sie entstehen könnten“ wichtig.)

Es geht nicht um genetischen Determinismus (hier schon erklärt). Wenn man als Mann also weiß, warum man vielleicht etwas eher dazu neigt, zusätzlich zur eigenen auch mal andere Frauen sexuell anziehend zu finden, soll das ja nicht als Ausrede dienen eventuelle Beziehungskonventionen zu verletzen, sondern einem vielleicht eher dabei helfen, zu verstehen, dass das nicht bedeutet, dass man seine Frau nicht richtig liebt oder sowas, und die Versuchung deshalb dann vielleicht doch eher sein lässt. 😉

So, nun aber zu den spaßigen evolutionärpsychologischen Hypothesen über im Durchschnitt auftauchende tendentielle statistische Unterschiede (individuelle Unterschiede gibt es natürlich immer) zwischen Männer und Frauen, die sich aus dem parental investment ergeben sollten:

– Weibchen sollten sich für One-Night-Stands eher James-Bond-Typen aussuchen, zum Zusammenleben eher Versorgertypen. (Dominance, prosocial orientation, and female preferences: Do nice guys really finish last?)

– Der Mann sollte eher sauer sein wenn die Frau kurz mal sexuell fremdgeht, weil die Gefahr eines Kuckuckskinds damit hoch wird, und Mann in Nachwuchs investiert, der nicht der eigene ist.

– Die Frau sollte eher sauer werden wenn der Mann viel Zeit mit einer anderen verbringt und seine Ressourcen da aufwendet.

– Wenn Frauen über eine andere Frauen lästern, um sie dem Partner schlecht zu reden, sollten sie mehr übers Aussehen herziehen. Männer hingegen sollten umgekehrt mehr über den Status des anderen Typens herziehen.

– Der Mann sollte für eine Frau nach dem ersten Sex mit ihm im Schnitt attraktiver werden (eventuelle Schwangerschaft, Versorger usw.), beim Mann hingegen sollte das nicht so sein. (The affective shift hypothesis: The functions of emotional changes following sexual intercourse)

– Säuglinge sollten dem Vater eher ähnlich sehen als der Mutter, weil die sich eh sicher sein kann, dass es ihr eigenes ist, der Vater nicht unbedingt. (Whom Are Newborn Babies Said to Resemble?)

– Die Verwandten der Mutter sollten besonders immer wieder betonen, wie ähnlich das Kind dem Vater sieht (natürlich so, dass er das mitbekommt).

– Missbrauch und Mord an Kindern sollte von Stiefväter öfter begangen werden als von leiblichen (Cinderella effect).

– Single-Männer sollten erzählen wenn sie mit vielen Frauen Sex haben. (Wenn die anderen Frauen den toll finden, werden die in der nächsten Generation seinen Sohn auch toll finden, also will ich als Frau Nachwuchs von ihm, weil ich so über meine Enkel mehr Gene weitergeben kann.)

– Single-Frauen sollten ihre Promiskuität eher für sich behalten, da ein späterer Partner ja davon überzeugt sein sollte, dass die Frau nur mit ihnen rumsext, und deshalb mehr Ressourcen in den Nachwuchs steckt.

Einiges davon kommt einem eh schon aus eigener Erfahrung ziemlich bekannt vor und ist auch schon in den verschiedensten Kulturen nachgewiesen worden. (David Buss hat da sicher mehr zu zu sagen). Bei anderen Sachen steht die Überprüfung noch aus. Auch wenn bei vielen Verhaltensweisen die Kultur sogar eventuell eine größere Rolle als die Natur spielt, spielt sie doch oft irgendwie mit, und die meisten Teile der Psychologie könnten vielleicht von evolutionären Überlegungen profitieren. Ist ja auch ne schöne Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. 🙂

Achja, nur nochmal zur Sicherheit: Das ganze ist rein deskriptiv und nicht normativ (Wissenschaft beschreibt wie etwas ist, schreibt aber nicht vor wie etwas sein sollte). Ich finde Gleichberechtigung super und bin selbst in meinem Sozialverhalten alles andere als ein Patriarch. Mir gefällt es jedoch wenn man aus einem einzigen Prinzip (parental investment) so viele beobachtbare Verhaltensweisen, für die man bei rein kultureller Betrachungsweise keine sinnvolle Erklärung finden würde, logisch deduzieren kann, 😀

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3 Gedanken zu „Evolution und Folgen des parental investments

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